Auf den Spuren von PFC Santos Ramos Gomez

Ralf Anton Schaefer/ September 24, 2026/ Allgemein/ 0Kommentare

Eine außergewöhnliche Spurensuche im Brückenkopf von Remagen – 22. September 2026

Am 22. September 2026 durfte ich einen Tag erleben, der mir noch lange in Erinnerung bleiben wird. Gemeinsam mit Diane Owens, der Enkelin des amerikanischen Soldaten PFC Santos Ramos Gomez, begab ich mich auf eine Spurensuche durch den ehemaligen Brückenkopf von Remagen. Ihr Großvater hatte im März 1945 als Angehöriger der G Company, II./39th Infantry Regiment, 9th U.S. Infantry Division, an den Kämpfen östlich des Rheins teilgenommen und war am 14. März 1945 im Raum Kalenborn verwundet worden. Nach intensiver Beschäftigung mit Kriegstagebüchern, Gefechtsmeldungen, Karten und weiteren zeitgenössischen Unterlagen hatte ich versucht, seinen Einsatzweg so genau wie möglich zu rekonstruieren. Nun wollten wir gemeinsam jene Orte aufsuchen, an denen er vor mehr als 80 Jahren gekämpft hatte.

Unser gemeinsamer Tag begann in Erpel, wo Diane uns herzlich begrüßte. Ich wurde von meinem Freund Jürgen begleitet, einem ehemaligen Oberst und Berufssoldaten der Bundeswehr. Diane wurde von Gene Carbone und Udo Bickers begleitet, beides langjährige Freunde ihrer Familie. Diane kennt Gene bereits seit ihrer Studienzeit, während die Freundschaft mit Udo und seiner Familie über ihre Kinder entstand, die gemeinsam ein Internat in den Vereinigten Staaten besuchten. Udo fuhr uns an diesem Tag zwischen den verschiedenen Stationen, und sowohl er als auch Gene zeigten großes Interesse an den militärhistorischen Hintergründen unserer Spurensuche.

Diane ist aus Connecticut, USA, angereist, um zu erfahren, unter welchen Umständen ihr Großvater im März 1945 im Brückenkopf von Remagen verwundet wurde.

Schon bei unserer ersten Begegnung wurde deutlich, wie viel Diane dieser Tag bedeutete. Sie konnte kaum glauben, nun endlich selbst in den Fußspuren ihres Großvaters gehen zu können. Mehr als 80 Jahre nach den Kämpfen am Rhein stand sie jetzt in jener Landschaft, in der er im März 1945 als amerikanischer Infanterist eingesetzt gewesen war. Was für mich zunächst eine militärhistorische Forschungsarbeit gewesen war, bekam durch ihre Anwesenheit und ihre persönlichen Erinnerungen eine ganz andere Bedeutung.

Um den Weg einordnen zu können, der Santos Ramos Gomez schließlich nach Remagen führte, lohnt sich zunächst ein kurzer Blick auf die Geschichte seines Regiments. Das 39th Infantry Regiment landete am 8. November 1942 bei Algier in Nordafrika und nahm anschließend an den Kämpfen in Tunesien und auf Sizilien teil. Nach der Verlegung nach England folgte am 10. Juni 1944 die Landung am Utah Beach in der Normandie. Von dort führte der weitere Einsatzweg über die Cotentin-Halbinsel, Cherbourg, Frankreich und Belgien schließlich nach Deutschland. Im Herbst 1944 kämpfte das Regiment am Westwall und im Hürtgenwald, bevor es während der deutschen Ardennenoffensive erneut in schwere Gefechte verwickelt wurde.

Für die G Company, der Santos angehörte, ist aus dieser Zeit unter anderem ein bemerkenswerter Einsatz überliefert. Am 22. Dezember 1944 waren deutsche Kräfte im Raum Rohren in amerikanische Stellungen eingebrochen. Den Kompanien Fox und George gelang es, die entstandene Lücke wieder zu schließen und den deutschen Vorstoß aufzuhalten. Die Regimentsgeschichte beschreibt diese Kämpfe als Teil der schweren deutschen Angriffe im Abschnitt Monschau–Elsenborn. Ob Santos persönlich an diesem speziellen Gefecht beteiligt war, lässt sich allein aus seiner Zugehörigkeit zur Kompanie jedoch nicht belegen.

Diane erzählte mir, dass ihr Großvater ursprünglich aus Puerto Rico stammte und vor seinem Militärdienst sieben Jahre in New York gelebt hatte. Besonders der kalte Winter in Deutschland war ihm in Erinnerung geblieben. Auch viele Jahre später hatte er immer wieder von seinen Erlebnissen während der Ardennenoffensive und von der bitteren Kälte berichtet.

Wir besichtigten zunächst die noch vorhandenen Zeugnisse der Ludendorff-Brücke auf der östlichen Rheinseite und anschließend den Eisenbahntunnel von Erpel. Am 10. März 1945 hatte das 39th Infantry Regiment den Rhein überschritten. Die Brücke war zu diesem Zeitpunkt bereits beschädigt und lag unter deutschem Artilleriefeuer. Mannschaften, Fahrzeuge und Versorgungsgüter mussten über diesen einen schmalen Übergang gebracht werden, während deutsche Artillerie und Luftwaffe weiterhin versuchten, die Brücke zu zerstören. Trotzdem war es bis zum Abend gelungen, das gesamte Regiment auf das Ostufer des Rheins zu bringen. Anschließend führte der Weg der Soldaten über Unkel und Scheuren in den Bereitstellungsraum bei Bruchhausen.

Beim Empfang in Bruchhausen – von links: der amtierende Ortsbürgermeister Stefan Heinrichs, der ehemalige Ortsbürgermeister Adalbert Fuchs, Ralf Anton Schäfer und Diane Owens. Im Hintergrund neben Diane steht Udo Bickers, rechts von ihr Gene Carbone.

Von Erpel aus fuhren wir weiter nach Bruchhausen, wo wir vom amtierenden Ortsbürgermeister Stefan Heinrichs und dem ehemaligen Ortsbürgermeister Adalbert Fuchs empfangen wurden. Beide hatten sich freundlicherweise bereit erklärt, uns während unseres Besuches zu treffen. Gemeinsam beschäftigten wir uns mit der Geschichte des Ortes und den schweren Kampfhandlungen, die im März 1945 in und um Bruchhausen stattgefunden hatten. Ich hatte dazu auch verschiedene Kampfmittel aus meiner eigenen Sammlung mitgebracht, darunter eine deutsche Stielhandgranate und Gewehrgranaten, anhand derer ich die damalige Bewaffnung und ihre Wirkung erläutern konnte. Bei der Vorstellung einer deutschen Stielhandgranate erzählte Diane eine bemerkenswerte Geschichte aus dem Kriegserleben ihres Großvaters.

Santos hatte sich gemeinsam mit mehreren Kameraden in einem Schützenloch befunden. Noch bevor eine Handgranate in ihre Stellung fiel, hatte er gebetet. Als die Granate explodierte, kamen seine Kameraden ums Leben, während Santos selbst vollkommen unverletzt blieb. Für ihn war dies nicht einfach nur Zufall. Er war überzeugt, dass die Gottesmutter Maria ihn beschützt hatte. Aus Dankbarkeit legte er ein Versprechen ab: Sollte er den Krieg überleben und gesund nach Hause zurückkehren, würde er auf den Knien in die Kirche gehen. Er überlebte den Krieg und erfüllte sein Versprechen. Wo und wann sich dieser Vorfall ereignet hatte, ist heute nicht mehr bekannt. Die Geschichte war dennoch ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie tief einzelne Kriegserlebnisse einen Menschen prägen und ihn auch nach seiner Rückkehr in die Heimat ein Leben lang begleiten konnten.

Während unseres Aufenthalts in Bruchhausen kam es zu einem der bewegendsten Momente unseres gemeinsamen Tages. Ich überreichte Diane die vollständige militärhistorische Arbeit, die ich über den Einsatzweg ihres Großvaters zusammengestellt hatte. Anhand der überlieferten Kriegstagebücher, Gefechtsmeldungen und Karten hatte ich versucht, seinen Weg vom Rheinübergang bis zu seiner Verwundung am 14. März 1945 möglichst genau zu rekonstruieren. Diane hatte mit einem solchen Geschenk überhaupt nicht gerechnet. Sie war sichtbar überwältigt und den Tränen nahe. Noch während unseres Treffens schickte sie Fotos und Nachrichten über die Arbeit an ihre Eltern in Connecticut, wo es zu diesem Zeitpunkt gerade erst sechs Uhr morgens war. Für mich war dieser Augenblick ebenso außergewöhnlich. Nach der langen Beschäftigung mit historischen Unterlagen, Einheitsbezeichnungen, Gefechtsmeldungen, Karten und Koordinaten stand nun die Enkelin eines der Soldaten vor mir, deren Geschichte ich versucht hatte nachzuzeichnen.

Nach dem Austausch einiger ganz besonderer Geschenke. Die Shadow Box wird einen besonderen Platz in meiner Sammlung erhalten.

Kurz darauf überraschte Diane mich ihrerseits mit einem außergewöhnlichen Geschenk. Sie überreichte mir einen großen Bilderrahmen von etwa 50 × 30 Zentimetern mit einem Foto ihres Großvaters, einem amerikanischen Half Dollar aus dem Jahr 1944 und der Urkunde zu seiner Bronze Star Medal. Ich hatte damit ebenso wenig gerechnet wie sie mit meiner Arbeit. Dieses Erinnerungsstück bedeutet mir ausgesprochen viel, denn es ist nicht nur ein Dankeschön für meine Forschungsarbeit. Es ist zugleich ein Teil ihrer Familiengeschichte, den sie mir anvertraut hat. Santos war außerdem Träger des Purple Heart und während des Krieges zweimal verwundet worden. Der Oak Leaf Cluster an seiner Purple-Heart-Auszeichnung kennzeichnet eine weitere Verleihung. Wann und wo er seine erste Verwundung erlitt, ist bislang nicht bekannt. Mit der Nachricht über dessen Verwundung verbindet sich auch eine weitere bemerkenswerte Geschichte.

Santos’ Ehefrau Rose lebte damals gemeinsam mit ihrer Tochter – Dianes Mutter – in New York. Rose verstand Englisch und hätte eigentlich die militärische Korrespondenz erhalten müssen. Stattdessen schickte die Army die Mitteilung irrtümlich an Santos’ Mutter, also Dianes Urgroßmutter, die weder Englisch lesen noch sprechen konnte. Sie verstand die Nachricht falsch und glaubte, Santos sei gefallen. Daraufhin begann die Familie mit der vollständigen Trauerzeremonie einschließlich des El Novenario, der Novene. Neun Tage lang trauerte die Familie, trug ausschließlich Schwarz und verließ das Haus nicht. Erst später, durch einen Briefwechsel mit Rose in New York, erfuhr Santos’ Mutter die Wahrheit. Bei der Mitteilung hatte es sich nicht um eine Todesnachricht gehandelt, sondern um die Nachricht über seine Verwundung. Santos lebte.

Im Verlauf unserer gemeinsamen Wanderung erzählte Diane immer wieder von ihrem Großvater. Sie beschrieb ihn als einen Mann, der immer gelächelt und seine Freude am Leben nie verloren hatte. Selbst auf einem Foto, das ihn in hohem Alter zeigt, ist dieses Lächeln noch deutlich zu erkennen. Seine Haare waren inzwischen grau geworden, doch er war unverkennbar derselbe Mann.

Santos spielte auch in Dianes eigenem Leben eine wichtige Rolle und war bei ihrer Hochzeit ihr Trauzeuge. Sein Tod verband sich später auf bemerkenswerte Weise mit einem weiteren wichtigen Moment in der Familiengeschichte. Am 7. Februar 2010 wurde Dianes älterer Sohn Justy getauft. Genau an diesem Tag starb Santos Ramos Gomez. Alexander Santos, der Sohn, der heute den Namen seines Urgroßvaters trägt, wurde dagegen erst 2012 geboren – zwei Jahre nach Santos’ Tod. Diane gab ihm den Namen Santos in Erinnerung an den Großvater, der ihr so viel bedeutet hatte.

Heute setzt sich diese Verbindung zwischen den Generationen auf andere Weise fort. Alex lebt mit Neurofibromatose Typ 1, und Diane engagiert sich seit vielen Jahren dafür, Aufmerksamkeit für diese Erkrankung zu schaffen und Spenden zu sammeln. Während ihres Aufenthalts in Deutschland bereitete sie sich gleichzeitig auf einen Charity-Lauf in Berlin vor. Ihre Reise hatte damit zwei sehr persönliche Bedeutungen: Sie wandelte auf den Spuren ihres Großvaters, dessen Namen ihr Sohn heute trägt, und stellte sich zugleich einer weiteren Herausforderung für ihr eigenes Kind.

Diese persönlichen Geschichten ergänzten meine militärhistorischen Recherchen um eine Dimension, die sich allein aus amtlichen Unterlagen niemals erschließen ließe. Kriegstagebücher berichten darüber, wo ein Regiment kämpfte, welche Ziele es einnehmen sollte und welche Verluste es erlitt. Sie erzählen jedoch nichts von einem Mann, der davon überzeugt war, dass die Gottesmutter ihm das Leben gerettet hatte, der sein in einem Schützenloch gegebenes Versprechen einhielt, nach dem Krieg ein stets lächelnder und lebensfroher Großvater blieb und dessen Name schließlich von seinem Urenkel weitergetragen wurde.

Nach unserem Aufenthalt in Bruchhausen führte uns die Spurensuche weiter zu den Gutshöfen Hohenunkel und Haanhof. Wir gingen über beide Anwesen und besichtigten, soweit es möglich war, die noch vorhandenen Gebäude und das umliegende Gelände. Hier konnte ich Diane erläutern, wie sich die Bewegungen des 39th Infantry Regiment nach der Rheinüberquerung entwickelt hatten. Ihr Großvater war mit seiner Einheit während der Nacht in diesen Raum gekommen. Von hier aus bereitete sich das Regiment auf die weiteren Angriffe gegen die bewaldeten Höhen und schließlich in Richtung Kalenborn vor. An den beiden Gutshöfen wurde besonders deutlich, wie nahe die damaligen Bereitstellungsräume und die eigentlichen Gefechtsstellungen beieinanderlagen. Die wenigen Straßen, die bewaldeten Höhen und das teilweise schwierige Gelände hatten die Bewegungen der amerikanischen Einheiten erheblich eingeschränkt.

Die Narben des Krieges sind noch heute an vielen Orten sichtbar. Hier stehen wir in einer ehemaligen Granatwerferstellung im Raum Bruchhausen.

Jürgen konnte aufgrund seiner langjährigen Erfahrung als Berufssoldat verschiedene militärisch-taktische Fragen beantworten und erläutern, welche Bedeutung das Gelände sowohl für den amerikanischen Angriff als auch für die deutsche Verteidigung hatte. Seine fachlichen Erläuterungen waren eine wertvolle Ergänzung zu meinen militärhistorischen Recherchen. Auch Gene beteiligte sich interessiert an unseren Gesprächen und stellte immer wieder Fragen zu den damaligen Kampfhandlungen.

Anschließend besuchten wir den Ehrenfriedhof bei Bruchhausen. Dort liegen mehr als 70 deutsche Soldaten, die während der Kämpfe um den Brückenkopf von Remagen im März 1945 gefallen waren. Besonders auffällig waren für uns die Gräber mehrerer Soldaten des Geburtsjahrgangs 1927, die zum Zeitpunkt ihres Todes gerade einmal 17 oder 18 Jahre alt gewesen waren. Auch zwei Zivilisten verloren während der Kämpfe um Bruchhausen ihr Leben.

Von dort führte unsere Spurensuche weiter auf den Birkig-Berg und zu den Höhen vor dem Asberg und Kalenborn. Damit erreichten wir schließlich jenen Gefechtsraum, der im Mittelpunkt meiner Forschungsarbeit gestanden hatte. Anhand der noch erkennbaren Reste ehemaliger Stellungen und des Geländes selbst konnte ich Diane zeigen, unter welchen Bedingungen ihr Großvater und seine Kameraden im März 1945 eingesetzt gewesen waren.

Die dicht bewaldeten Höhen, das begrenzte Straßennetz und zahlreiche Geländeeinschnitte hatten die Angriffe außerordentlich erschwert. Gegen hartnäckigen deutschen Widerstand mussten sich die amerikanischen Einheiten immer wieder durch die Wälder und über die Höhen hinweg vorarbeiten.

Gene in einer der ehemaligen Stellungen auf dem Birkig-Berg – damals ein lebensrettender Unterschlupf, heute nur noch als flache Senke im Boden erkennbar.

Gerade zwischen dem 11. und 14. März entwickelten sich in diesem Abschnitt besonders schwere und verlustreiche Kämpfe. Das II./39th Infantry Regiment, zu dem Santos gehörte, versuchte wiederholt, aus seinen Stellungen in Richtung Kalenborn vorzustoßen. Dabei traf es auf deutsche Verteidigungslinien, die durch Maschinengewehre, Granatwerfer, Artillerie und einzelne gepanzerte Fahrzeuge unterstützt wurden. Während sich die amerikanischen Bataillone mühsam durch das bewaldete Gelände vorarbeiteten, setzten die deutschen Kräfte immer wieder zu Gegenangriffen an, um Einbrüche abzuriegeln und ihre Stellungen zu behaupten.

Für mich war es etwas Besonderes, Diane die Ergebnisse meiner Recherchen nun unmittelbar im tatsächlichen Gelände erläutern zu können. Was sich auf historischen Karten häufig nur anhand von Höhenlinien, Wegen und eingezeichneten Stellungen nachvollziehen lässt, wurde in der Landschaft plötzlich wieder sichtbar. Wir konnten Entfernungen und Geländeverhältnisse selbst betrachten und uns ein Bild davon machen, welchen Schwierigkeiten die Soldaten damals gegenübergestanden hatten.

Auch hier konnte Jürgen auf seine militärische Erfahrung zurückgreifen, verschiedene taktische Zusammenhänge erläutern und auf Besonderheiten des Geländes hinweisen.

In diesem Gefechtsraum, zwischen Steinhübel und Kalenborn, wurde Santos Ramos Gomez am 14. März 1945 verwundet. Sein genauer Aufenthaltsort zu diesem Zeitpunkt und die unmittelbaren Umstände seiner Verwundung lassen sich anhand der bislang vorliegenden Unterlagen nicht bestimmen. Gesichert ist jedoch, dass die G Company und das II. Bataillon an diesem Tag in die schweren Kämpfe in Richtung Kalenborn verwickelt waren.

Eine weitere ehemalige Schützenmulde unmittelbar vor Kalenborn – damals eine der vordersten Stellungen.

Eine weitere ehemalige Schützenmulde unmittelbar vor Kalenborn – damals eine der vordersten Stellungen.

Für Diane war es eine außergewöhnliche Erfahrung, nach mehr als 80 Jahren selbst in den Fußspuren ihres Großvaters zu gehen und jene Orte kennenzulernen, die sie zuvor nur aus seinen Erzählungen und meiner Forschungsarbeit gekannt hatte. Immer wieder äußerte sie, wie schwer sie glauben könne, dass sie nun tatsächlich dort stand und denselben Boden betrat, über den ihr Großvater viele Jahrzehnte zuvor gegangen war.

Da Jürgen noch weitere Termine hatte, musste er sich nach unserer Wanderung durch den ehemaligen Gefechtsraum verabschieden. Den abschließenden Besuch der Kriegsgräberstätte Ittenbach konnte er deshalb nicht mehr begleiten. Gemeinsam mit Diane, Gene und Udo fuhr ich zu unserer letzten Station.

In Ittenbach besichtigten wir den deutschen Soldatenfriedhof und beschäftigten uns mit der Geschichte des ehemaligen amerikanischen Gräberfeldes, das sich einst auf der gegenüberliegenden Straßenseite befunden hatte. Die Begräbnisstätte war nach den schweren Kämpfen im Siebengebirge angelegt worden. Am 26. März 1945 wurde dort der erste deutsche Gefallene beigesetzt. In den folgenden Tagen und Wochen brachten die Amerikaner weitere Kriegstote aus den umliegenden Kampfgebieten und später auch aus anderen Regionen nach Ittenbach.

Zeitweise waren hier rund 3.600 amerikanische Soldaten bestattet. Im Juli 1945 wurden die amerikanischen Gefallenen exhumiert und auf amerikanische Soldatenfriedhöfe – darunter Margraten in den Niederlanden – umgebettet oder in die Vereinigten Staaten überführt.

Hier in Ittenbach verabschiedeten wir uns schließlich voneinander.

Nach einem Tag, an dem wir den Einsatzweg ihres Großvaters vom Rheinübergang bis zu den Höhen vor Kalenborn nachvollzogen hatten, war unsere gemeinsame Spurensuche zu Ende. Wir waren uns jedoch einig, dass dies nicht unsere letzte Begegnung gewesen sein sollte. Wir wollen in Kontakt bleiben und die Freundschaft fortsetzen, die sich zwischen uns entwickelt hat.

Diane lud mich ein, sie zu besuchen, sollte ich jemals in die Vereinigten Staaten reisen. Dann möchte sie mir Gettysburg zeigen, einen der bekanntesten Schlachtorte des Amerikanischen Bürgerkriegs.

Für mich war dieser Tag weit mehr als eine militärhistorische Exkursion. Aus meiner Forschungsarbeit war eine persönliche Begegnung mit der Familie eines Soldaten geworden, dessen Einsatzweg ich zuvor anhand historischer Unterlagen rekonstruiert hatte.

Durch Dianes Erzählungen erfuhr ich vieles über ihren Großvater, das in keinem militärischen Dokument festgehalten wurde. Die Geschichte seines Gebets und seines Versprechens, die irrtümliche Todesnachricht, seine Erinnerungen an den bitterkalten Winter in Deutschland und nicht zuletzt sein ungebrochenes Lächeln ergänzten meine Arbeit um eine menschliche Seite, die sich allein aus den Kriegstagebüchern niemals hätte erschließen lassen.

Mir wurde auch bewusst, wie eng Santos’ Lebensgeschichte bis heute mit seiner Familie verbunden ist. Sein Name lebt durch seinen Urenkel Alexander Santos weiter, und Dianes Einsatz für ihren Sohn bildet ein weiteres Kapitel dieser Familiengeschichte.

Der Augenblick, in dem ich Diane meine Arbeit überreichte, und das unerwartete Geschenk, das sie mir im Gegenzug machte, werden mir noch sehr lange in Erinnerung bleiben.

Ich bin Diane sehr dankbar für diesen wunderbaren Tag, für ihr Vertrauen und dafür, dass ich durch unsere Begegnung ein kleiner Teil ihrer Familiengeschichte und der ihres Großvaters werden durfte.

Was als gemeinsame Suche nach den Spuren eines amerikanischen Soldaten begann, endete mit einer Freundschaft über den Atlantik hinweg.

Und vielleicht führt mich diese Freundschaft eines Tages tatsächlich nach Gettysburg.

Die Rekonstruktion des Weges von PFC Santos Ramos Gomez ist zugleich ein Beispiel für einen Schwerpunkt meiner militärhistorischen Arbeit: die möglichst genaue Rekonstruktion individueller Soldatenschicksale und Einsatzwege anhand der erhaltenen Quellen.

 

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